April 28, 2003
Kampf gegen die Transfer-Mauer

von Tanya Reinhart
ZNet 24.04.2003
http://www.zmag.org/ZNET.htm

Anmerkung: Die Bewohner von Mas'ha u. Bidia haben in ihrem Kampf um ihr Land u. ihre Existenz (beides durch die Apartheid-Mauer bedroht) entlang des Pfads der Bulldozer ein Zeltcamp errichtet. Auch Israelis u. internationale Aktivisten beteiligen sich daran. Das Camp will ein Zeichen des Protests setzen gegen die Landaneignung im Zusammenhang mit der Mauer. Wir suchen noch Leute, die zu uns ins Zeltcamp kommen wollen u. abwechselnd - tagsüber oder nachts - im Camp bleiben. Das Lager dient zudem als Info- Center - Gäste willkommen. Kontakt (Jonathan) unter: Tel.: 972 66 327 736 u. E-mail: cat@squat.net 'Activists Against the transfer Wall'.

An einem heißen Tag im Juni 2002 kamen israelische Bulldozer auf das Land von Salem, nördlich von Dschenin. Sie fingen an, die Bäume zu entwurzeln u. das Land einzuebnen - in Vorbereitung einer 8 Meter hohen Betonmauer, die die seit 1967 besetzten palästinensischen Gebiete von Israel separieren soll. In Israel glaubt die Öffentlichkeit fälschlicherweise, diese Maßnahme sei einzig dazu gedacht, die Spannungen zu entschärfen bzw. den Terror zu verhindern u. so dem israelischen Volk neue Sicherheit zu geben. Viele glauben zudem, die Mauer werde auf der 'Grünen Linie' (Grenzlinie von 1967) errichtet u. könne so zur Grundlage einer neuen Grenze mit den besetzten Gebieten werden - wenn Israel sich denn aus den Gebieten zurückzieht. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als diese Annahme.

Anläßlich eines Treffens des (damaligen) israelischen Kabinetts am 23. Juni 2002 wurde der Zaunentwurf (Mauer) abgesegnet. Damals protestierte der damalige Außenminister Shimon Peres, "dieser Plan würde effektiv bedeuten, dass Israel etwa 22 Prozent der Westbank annektiert" (Ha'aretz, Gideon Alon, 24. Juni 2002). Sowohl auf westlicher Seite ("Saumlinie") des Zauns als auch auf östlicher (entlang des Jordan) würden einige palästinensische Gebiete durch den Zaun von der Westbank abgeschnitten. Auf westlicher Seite schneidet der Zaun tief in palästinensisches Gebiet ein. Zweck ist es, jüdische Siedlungen wie Alfei Menashe, Elkana u. Ariel auf die israelische Seite des Zauns zu ziehen. Nur in wenigen Sektionen stimmt der Zaunverlauf mit der 'Grünen Linie' überein. Aber selbst in diesen Fällen hat man noch beschlossen, eine zweite Barriere, ein paar Kilometer nach Osten eingerückt, zu installieren. Der sich windende Verlauf des Zauns führt mancherort zu einer Art Schlinge, die palästinensische Städte u. Dörfer einschließt u. ihnen nur einen einzigen Ausgang gewährt. Auf diese Weise würden durch die neue Mauer Städte u. Dörfer voneinander abgetrennt - und zwar permanent. Diese Ortschaften würden zu isolierten Enklaven mutieren. Noch etwas kommt hinzu: In den meisten Gebieten in Zaunnähe würden die Dörfer von ihren Ackerflächen abgeschnitten - von der landwirtschaftlich genutzten Fläche, von der diese Dörfer ja leben. Laut Schätzungen von B'tselem würde die Mauer mindestens 210 000 Palästinenser in 67 Dörfern u. Städten unmittelbar in ihrer Existenz bedrohen (http://www.btselem.org/Download/2003_Behind_The_Barrier_Heb.doc).

Insgesamt 5 Enklaven mit palästinensischen Dörfern wären zwischen Zaun u. 'Grüner Linie' eingekesselt. Diese Enklaven wären sowohl voneinander als auch vom Rest der Westbank abgeschnitten - wahre Gefängnisse also. In diese Kategorie fallen insgesamt 13 Dörfer mit 11 700 Bewohnern (und ich spreche hier von Zaunsegmenten, wie sie vorgesehen waren, noch ehe der Zaun auf Druck der (jüdischen) Siedler auch Ariel Immanuel u. Kdumim einschließen sollte). Den Palästinensern wird versprochen, man werde Tore u. Checkpoints einrichten, sodass Bewohner, die von ihren Ländereien abgeschnitten sind, diese trotzdem weiter erreichen könnten. Aber aus alter wie neuer Erfahrung wissen wir, dass das Passieren eines Checkpoints nicht zuletzt von der Willkür der dortigen Soldaten abhängt. Die Soldaten halten sich nicht an feste Regeln - jedenfalls an keine, die den Palästinensern geläufig sind. Oft werden Palästinenser, die an einer Straßensperre vorbei wollen, stundenlang festgehalten. Die Soldaten konfiszieren ihnen die Ausweise, die Autoschlüssel, ja selbst die Autos. Zudem ist anzunehmen, dass es für das Passieren der (angeblichen) Zauntore einer speziellen Genehmigung der israelischen Behörden bedürfen wird.

Die Ländereien von Mas'ha

Am 23. April 2003 kamen die Bulldozer im Dorf Mas'ha an. Das Dorf liegt nahe der israelischen Siedlung Elkana. Eigentlich läge diese Siedlung etwa 7 km von der 'Grünen Linie' entfernt. Aber mittlerweile wurde die Zaunroute, auf die man sich beim Kabinettstreffen am 24. Juni 2002 geeinigt hatte, ja verändert, sodass nun auch Elkana auf israelischer Seite liegen soll. Und jetzt sind die Bulldozer also dabei, das Dorf Mas'ha von dessen einzig verbliebener Erwerbsquelle (nach zweieinhalb Jahren Abriegelung) abzutrennen: 98 Prozent des Lands, das zu Mas'ha gehört, soll der israelischen Zaunseite zugeschlagen werden - besser gesagt, soll es zwischen Zaun u. 'Grüner Linie' verschwinden. Auch vom Dorf Bidia Sanniriya u. weiteren Dörfern der Region sollen tausende Dunams Land verlorengehen. Abgesehen von dem Land, das den Dörfern entzogen werden soll, wird der Zaun auch noch die Straße zwischen Dschenin u. Ramallah unterbrechen. Ein Segment der Straße soll auf israelischer Zaunseite liegen. Auf die Art kann man die palästinensischen Enklaven noch effizienter voneinander isolieren.

Aber Gier nach Land ist nicht der einzige Grund, weshalb die Bulldozer nach Bidia u. Mas'ha kamen. Die Ländereien dieser Dörfer liegen ausgerechnet über dem westlichen Bereich des Gebirgs-Grundwasserbassins (ein riesiges Wasserreservoir, das in der Westbank entspringt; dessen Wasser fließen aber auch unterirdisch bis nach Zentral-Israel hinein). Von jenen 600 Millionen Kubikmetern Wasser, die jährlich aus dem Gebirgsreservoir entnommen werden können, nimmt Israel in seinen verschiedenen Gebieten etwa 500 Millionen für sich in Anspruch. Die Kontrolle über diese Wasserressourcen zu behalten, war immer eines der Hauptmotive für die Aufrechterhaltung der israelischen Besatzung. So wurden in den 70gern die ersten (jüdischen) Siedlungen durch die damaligen israelischen Arbeitspartei-Regierungen ausgerechnet in Gebieten genehmigt, die als "kritisch" in Bezug auf Bohrungen eingestuft wurden. Eine dieser Siedlungen war Elkana. Zu ihrer Errichtung trug ein Plan bei, der irreführend Plan zum 'Schutze der Ressourcen des Yarkon' hieß. Seit der Okkupation im Jahr 1967 hat Israel den Palästinensern verboten, neue Brunnen zu graben. Im Gebiet um Mas'ha u. Bidia sowie in jenen Ländereien, die man inzwischen von Kalkilia u. Tul Karem abgetrennt hat, gibt es jedoch noch viele Brunnen, die bereits vor 1967 in Betrieb waren. Ihre Nutzung reduziert die Wassermenge, die Israel für sich entziehen kann, vielleicht um eine kleine Menge. Aus der Abtrennung dieser Dörfer von ihren Brunnen verspricht sich Israel daher einen doppelten Vorteil: Zum einen Kontrolle über die Wasserreserven, zum andern können die Dörfer so ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Dadurch werden die Dorfbewohner zum Exodus gezwungen. Seit Juni 2002 sind bereits 4 000 Bewohner aus der Gegend von Kalkilia abgewandert. Auf die Art bedeutet der Zaun 'stiller Transfer'. Machen wir uns klar - dieser Zaun hat nichts mit Frieden oder Sicherheit zu tun. Transfer, Gier nach Land u. Kontrolle über die Wasserressourcen - das ist der wahre Treibstoff für die Bulldozer der Israelis.

http://www.tau.ac.il/~reinhart

Posted by Astrid Haarland at April 28, 2003 01:07 EM
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