Juni 17, 2003
Die Ich-bin-Gott-AG

Der Religionsbegriff ist breiter als man gemeinhin denkt. Das passt weder Kirchen noch Freidenkern. Religiöses Denken und Handeln wendet sich an eine höhere Instanz. Diese kann ein Gott/Göttin sein oder auch ein idealisiertes Selbst. Der deutsche Spätidealismus ging in Teilen nahtlos in die faschistische Ideologie über. Rudolf Steiner z.B. ist ein klassischer Exponent des Spätidealismus, wiewohl er selbst niemals dem Faschismus nahe stand. Dennoch ist der von ihm propagierte Entwicklungsgedanke des sich selbst erlösenden Individuums dazu genutzt worden, die Höher- und Minderwertigkeit bestimmter Völker und Rassen zu begründen. Jutta Dittfurth stellt in ihren Anti-New-Aging Büchern gerne Steiner als Prototyp des Kryptofaschisten heraus. Damit tut sie jedoch diesem speziellen Österreicher bitteres Unrecht.


Auch Max Stirner ist beileibe kein Präfaschist. Doch wurde seine Idee des "Einzigen" zum späteren Führerkult stilisiert. Der Faschismus speist sich aus verschiedenen weltanschaulichen und religiösen Quellen. Stirner ist nur eine, jedoch keine unbedeutende, von vielen.

Kommen wir noch mal zur Ich-bin-Gott-AG, eine von mir kreierte Persiflage, die zur Weiterverwendung frei gegeben ist ;-) Auch hinter dieser Zeitgeist-Weltanschauung stecken honorige und seriöse Vorüberlegungen. Auch hier sind die tiefsten Wurzeln im deutschen Idealismus zu suchen, der dieses Mal in amerikanisches Fahrwasser kam. Die amerikanische New-Thought-Bewegung ist in Europa wenig bekannt. Eigentlich kennt man nur die Trivialisierung des New Thought in den Gedanken des New Age. New Thought ist das, was der Name sagt: Mein neuer Gedanke schafft meine neue Wirklichkeit. Schnell wurde dieses Axiom dazu verwendet, um Health, Wealth, Happiness auf dem Wege des Erfolgstrainings zu verkaufen. New Thought wurde ausverkauft, bevor es überhaupt in seriöser Form auf den Markt kommen konnte. Die New Thought-Philosophie erlebte ihre Renaissance und Rehabilitation durch philosophierende Physiker, die Raum und Zeit nicht mehr als Konstanten des Wirklichen sahen und sich in neue Dimension der Unendlichkeit aufmachten. Gestützt wurden diese Spekulationen durch die revolutionären Prozesse in der Informatik.

Die Naturwissenschaft bewies durch einige ihrer prominenten Vertreter die Vorläufigkeit ihrer ehernen Gesetze. Die Revolution dieses Schritts ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Doch ist die Popularisierung dieser Fundamentalkritik schon in Form erster Internetpublikationen der Allgemeinheit zugänglich. In der philosophischen und religionswissenschaftlichen Terminologie hat man den Begriff des Holismus gewählt, um diese Denkrichtung zu bezeichnen.

Die Grundaussage des Holismus ist die Feststellung, dass zwischen Ich und Nicht-Ich nicht unterschieden werden kann. Beide beeinflussen einander. Das Bewusstsein der Beeinflussbarkeit schafft dem Ich ein Wirkungsfeld. Jeder Wissende kann dies nutzen. In schrecklicher Vereinfachung nannte ich das die Ich-bin-Gott-AG.

Die psychischen und sozialen Folgen des Paradigmenwechsels sind noch offen. Eine mögliche Folge könnte in einer Oligarchie aus Insidern bestehen, die skrupellos ihre Macht anwenden. Mit solchen Szenarien bewegt man sich derzeit jedoch noch im Bereich der Verschwörungstheorien.


Viele Grüße
Robert Berghausen

Posted by Astrid Haarland at Juni 17, 2003 10:31 EM
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