Linke und Antisemitismus? Das scheint nicht zusammenzupassen. Doch je genauer man hinschaut, desto fremder schaut es zurück. So wird derzeit auf linken Websites Israel des "Völkermords" an den Palästinensern bezichtigt, und Scharon wird mit Hitlerbärtchen und -scheitel dargestellt.
Seht her, die Juden sind die wahren Nazis, lautet die Botschaft. Das ist - leider - nichts Neues. Schon die ansonsten überaus zerstrittene Neue Linke der 70er Jahre war sich in puncto Judenstaat seltsam einig: Das "zionistische Gebilde" Israel sollte verschwinden: "Sieg im Volkskrieg!" Spätestens wenn Linke die gleichen Parolen wie die Rechten anstimmen und die Karikaturen von "linken" und antisemitischen Websites austauschbar sind, wird offenbar, woraus sich die andauernde antisemitisch grundierte Israelfeindschaft von deutschen Linken speist: aus dem holzschnittartigen linken Weltbild im allgemeinen und dem untergründigen Nationalismus der deutschen Linken im besonderen.
Thomas Haury, Dr. phil., geboren 1959, studierte Soziologie und Geschichte. Er promovierte mit der im Oktober 2002 erscheinenden Arbeit "Antisemitismus von Links - Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR" an der Universität Freiburg. Derzeit ist er in verschiedenen Bildungseinrichtungen tätig.
Thomas Haury: Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus
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Die Tragik des Zionismus
Hallo Ihr Lieben
Das ist die Frage, ob der Kommunismus "erfunden " wurde. Wie entstehen Philosophien, Weltanschauungen, Ideologien?
Trotz grösster Uneinigkeit, was die Blickrichtung anbelangt, aus der die Untersuchung des Problems vorgenommen wurde, ist man sich doch darin einig, dass neue Ideen nicht vom Himmel fallen oder von Einzelpersonen im stillen Kämmerlein ausgesponnen werden, sondern das Ergebnis eines Prozesses sind, in dem Ideen sich versammeln, um dann zu neuen Tatsachen zu werden. So hat es jedenfalls der große Vermittler zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, Alfred N. Whitehead, ausgedrückt.
Das Ressentiment gegen die eigenen biologischen Wurzeln an den Anfang einer neuen geistigen Entwicklung zu setzen, greift viel zu kurz, wie dies alle monokausalen Begründungen tun. Selbsthass mag vielleicht bei einer Einzelperson ein Motiv des Handelns sein, doch selbst im Falle dieses einen Menschen, wäre dies nur ein Motiv von noch vielen anderen.
Die kommunistische Ideologie ist das Ergebnis vorangegangener geistiger und sozialer Prozesse, die von Menschen wahrgenommen und entsprechend verarbeitet wurden. Die ideengeschichtlichen Grundlagen sind die Vorstellungen des antiken Materialismus und der neuzeitlichen Aufklärung. Jüdisch-christlich am Kommunismus ist seine säkularisierte Religiosität, die Verlagerung des Reichs Gottes auf die Erde. Dort sind alle Widersprüche gelöst und ein Hort ewigen Friedens kann errichtet werden.
Dies ist ein gnostisches Motiv. An dessen Anfang steht die Erkenntnis der dualistischen Situation von Gut und Böse. Das Böse wird durch Erkenntnis besiegt und transformiert. Die Widersprüche sind aufgehoben und die Einheit des Geistes ist wiederhergestellt.
Auf solche Ideen kommen Menschen, die im westlich-jüdisch-christlichen Kulturkreis großgeworden sind. Bewohner anderer Regionen, die z.B. buddhistisch geprägt sind, würden diesen Gedanken nicht so egalitaristisch ausdrücken, sondern eine Hierarchie der Eingeweihten in die reine Lehre in den Vordergrund stellen. Die Geschichte der asiatischen Kommunismen zeigt, wie die Inkulturation des Kommunismus dort stattgefunden hat.
Also: Mit dem jüdischen Selbsthass als Urgrund allen Unheils, inklusive Kommunismus, wird ein alt-rechtes Argument neu formuliert. Ideen-, kultur- und religionsgeschichtlich ist dieses Argument nicht zu halten. Es ist Vulgärpsychologismus, der auf seine Vertreter zurückfällt. Dann behaupte ich kühn "Die Judenhasser hassen den Juden in sich selbst." Hört sich weise an, ist aber völliger Quatsch.
Astrid