Oktober 14, 2002
Horst Mahler - DAS PORTRÄT

In seiner linksradikalen Zeit kreuzten zahlreiche Anwaltskollegen seinen Weg, die heute zur politischen Prominenz zählen. Anfang der 70er Jahre war der heutige Bundesinnenminister Otto Schily sein Verteidiger, später der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder, inzwischen Bundeskanzler.

DAS PORTRÄT

Horst Mahler

Manche halten ihn schlicht für einen verrückten Wichtigtuer. Andere sehen in ihm einen politisch verwirrten, aber cleveren Rechtsanwalt. Horst Mahler steht wieder auf der großen Bühne. Der einstige linksrevolutionäre RAF-Terrorist hat sich zum antisemitischen Brandredner gewandelt: Er vertritt heute die rechtsextreme NPD vor dem Bundesverfassungsgericht.

Das Verbot der NPD steht in Karlsruhe zur Debatte. Doch der Prozess ist bereits vor dem ersten Anhörungstermin auch zum Fall Mahler geworden. Der 66-Jährige (Bild: ap) mit dem fast kahlen Kopf verteidigt die NPD. Doch seine aggressive Prozessstrategie könnte für die Partei zum Problem werden. Denn in seinen Ausführungen mischt er juristische Fachbegriffe mit antisemitischen Tiraden: Das macht sich die Gegenseite zu Nutze. Mahlers Äußerungen selbst dienen als Beleg für verfassungsfeindliche Umtriebe der NPD.

Ausgiebig zitieren die Anwälte von Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung in ihren Schriftsätzen Ausfälle Mahlers. Der schwadroniert über eine angeblich "drohende Endlösung der deutschen Frage" durch "galoppierende Überfremdung". Er nennt die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA einen "überfälligen Generalangriff" auf die von ihm so genannte "judäo-amerikanische Zivilisation". Und er versteigt sich in der Formulierung: "Hitler hat die richtigen Fragen gestellt, sie teilweise falsch beantwortet." Schon empörte sich Mahlers biederer Kollege, der Partei-Justiziar Hans Günter Eisenecker, es sei "grob ungebührlich", wie die Worte Mahlers zum Gegenstand des Verfahrens gemacht würden. Mahler selbst dürfte es nicht unlieb sein. Er hat immer den provozierenden Auftritt gesucht.

Seine berufliche Karriere hatte Mahler als erfolgreicher Wirtschaftsanwalt begonnen, damals mit dem SPD-Parteibuch in der Tasche. Diese Klienten verlor er jedoch, als er in den 68er Aufbruchsjahren zum Verteidiger der außerparlamentarischen Opposition wurde, die Berliner Kommunarden um Fritz Teufel und später die Frankfurter Kaufhaus-Brandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor Gericht vertrat. In kurzer Zeit wurde er vom Anwalt zum Angehörigen der Terrorszene und flüchtete 1970 mit Mitgliedern der Roten Armee Fraktion in den Nahen Osten, um eine Guerilla-Ausbildung zu absolvieren. 1974 wurde Mahler wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung und anderer Delikte zu 14 Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn Jahre absitzen musste.

In seiner linksradikalen Zeit kreuzten zahlreiche Anwaltskollegen seinen Weg, die heute zur politischen Prominenz zählen. Anfang der 70er Jahre war der heutige Bundesinnenminister Otto Schily sein Verteidiger, später der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder, inzwischen Bundeskanzler.

Mahlers Wandlung vom Links- zum Rechtsextremisten ist oft als bizarr beschrieben worden, doch sein Habitus hat sich kaum gewandelt. Auch sein Anti-Amerikanismus und sein Hang zu Verschwörungstheorien sind nicht neu. pit

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Posted by Gertrud Schrenk at Oktober 14, 2002 11:33 FM
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Leserbrief von Frank Schmidt, Frankfurt am Main

Klassischer Typ eines kleinbürgerlichen Radikalen

Zu DAS PORTRÄT - Horst Mahler - Kontinuierlich (FR vom 8. Oktober 2002):

Mahler war nie wirklich links. Er repräsentiert vielmehr den klassischen Typus eines kleinbürgerlichen Radikalen, der heute am Rand der linken Bewegungen mitläuft und sich morgen als Rechtsradikaler entpuppt, ohne dass sich sein Denken grundlegend geändert hat.

Intellektuell unfähig, politische und wirtschaftliche Wirkmechanismen wirklich zu begreifen, glaubt dieser an die verborgene Macht einzelner, persönlich böser Drahtzieher im Hintergrund. In seiner Dummheit meint er, durch die Bekämpfung dieser Personen grundlegende gesellschaftliche Strukturen ändern zu können. Diejenigen, für die er zu sprechen meint, hat er nie um ein Mandat gefragt.

Er sieht sie lediglich als willenloses Objekt, weil deren Meinung sowieso durch die bösen Verschwörer manipuliert wird. Dieses Objekt, dessen Interessen er vermeintlich vertritt, ist beliebig austauschbar. Authentische Massenbewegungen wie zum Beispiel Gewerkschaften zählen für diesen Typus nichts und werden als Bestandteil der angeblichen Verschwörung mit bekämpft.

Wenn die vermeintlich Vertretenen partout nicht nach seiner Pfeife tanzen wollen, sucht er sich jemand anderes, den er ebenso ungefragt gegen die bösen Verschwörer "vertritt". Früher waren das Subproletariat, Arbeiterklasse oder die "Massen" der Dritten Welt, heute ist es die Nation. Auch die "Verschwörer" sind für ihn beliebig austauschbar.

Terroristische Gewalt gegen andere und anders Denkende erscheint solchen Menschen nicht nur als legitim, sondern ist letztlich das bevorzugte Mittel. Demokratische Mechanismen stellen in seinem Denken keine Handlungsoption dar, weil er sie strukturell nicht begreift. Wenn doch, dienen sie ihm lediglich als Vehikel mit dem Ziel ihrer Abschaffung.

Man könnte diese Typen als Idioten abtun, wenn von ihnen in Krisensituationen der Gesellschaft nicht ein enormes Gefahrenpotenzial ausginge. Denn dann schlägt die Stunde der großen Vereinfacher. Durch ihre persönliche Biografie beherrschen Leute wie Mahler sowohl links- als auch rechtstönende Ideologiebruchstücke und haben das Potenzial zum massenwirksamen Demagogen. Man denke nur an Mussolini, Laval und Quisling, die vor ihren Faschistenkarrieren ebenfalls führende Linksradikale waren.

Es ist kein Zufall, dass Mahler innerhalb weniger Monate zum Hoffnungsträger der NPD aufgestiegen ist. Horst Mahler ist gefährlich, deshalb Augen auf!

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Posted by: Gertrud Schrenk on 14.10.02 11:36
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