Oktober 14, 2002
"Was Sie schon immer über Antisemitismus ...

... in der deutschen Linken wissen wollten, aber bisher nie für möglich gehalten hätten..."

Eine Diskussion im Jugendcafe Pankow. Erfahrungsbericht von einem, der dort war. Das Thema "Antisemitismus in der deutschen Linken" ist hier und da präsent.
Und es bleibt schwierig.
Ist es aufgebauscht?

Artikel bei indymedia

"Ein Abend, der vor einem halben Jahr noch undenkbar war

von javier - 12.10.2002 00:21

Berlin, 9.10. - Es ist kalt im Unabhängigen Jugendzentrum Pankow, wegen Renovierungsarbeiten ist in dem selbstverwalteten Projekt die Heizung außer Betrieb. Und es wird viel geraucht in dem bunten Altbauraum. Die Luft ist zum Schneiden. Das Infocafe Pankow, ein antifaschistisches Jugendprojekt, hat für den heutigen Abend eine Infoveranstaltung angekündigt, die den Anspruch erhebt, die Scherben zusammenzufegen, die zwei Jahre Intifada hinterlassen haben: "Was Sie schon immer über die Antisemitismus in der deutschen Linken wissen wollten, aber bisher nie für möglich gehalten hätten..."

35 fast ausschließlich jugendliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich eingefunden und sitzen über das damit gut gefüllte Cafe verteilt im großen Kreis auf Stühlen und Sofas. Ungewohnt schnell für eine politische Diskussion setzt Stille ein, als mit über einer Stunde Verspätung der Themenabend anmoderiert wird, vielleicht weil es keine Mikrofonanlage gibt. Während der Referate wird der Getränketresen geschlossen, verkündet die Moderatorin in die angespannte Erwartungshaltung hinein, und erläutert weiter, daß es zwei Grundregeln gibt, die sie als Voraussetzungen einer sinnvollen Diskussion ansieht: Das Existenzrecht des Staates Israel soll nicht bestritten und auf Nazi-Vergleiche grundsätzlich verzichtet werden. Und, Fragen möchten bis zum Ende aufschoben werden.

Im direkten Anschluß befaßt sich der erste von vier Kurzvorträgen mit der Entstehung des Antisemitismus. Die Geschichte greift zurück ins antike Rom. Im antiken Götterstaat waren Politik und Religion eng verflochten - wer auf einer anderen, gar monotheistischen Religion beharrte, wandte sich in den Augen der Cäsaren auch gegen die herrschende Ordnung. Juden wurden als politisch unzuverlässige Elemente verfolgt. Als das Christentum an die Macht kam, bekämpfte es in den Juden seine ideologischen Ursprünge - das Gottesgnadentum der mittelalterlichen Herrscher erforderte religiöse Alleinvertretungsansprüche. Der christliche Antijudaismus offenbarte in der Inquisition seine eliminatorische Tendenz.

Als in den Städten des Hochmittelalters sich das Geldsystem entwickelte, wurden mit dem Abdrängen der Juden in den Handelssektor die Grundlagen für den modernen Antisemitismus gelegt. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise fand ihre religiöse Widerspiegelung in der Reformation - für Ideologen wie Martin Luther waren die Juden eine willkommene Projektionsfläche für Gegenbilder zum protestantischen Arbeitsethos. Mit der Herausbildung der modernen Staatenwelt folgte die nationale Ausgrenzung und der biologistische Antisemitismus. Der Sprecher versucht ein historisches Resumee: So unterschiedlich diese Mechanismen sind, so kontinuierlich ist ihre Funktion, die Instrumentalisierung der Juden als gesellschaftliches Ventil.

Der zweite Referent spricht über den Zionismus. Auswanderungsbewegungen hat es auch vor Theodor Herzl gegeben - aber sie wurden als abenteuerliche Haltung einzelner angesehen. Erst als der Optimismus der Aufklärung u.a. in den Pogromen des zaristischen Rußland zugrundeging, machte Herzl daraus ein politisches Konzept - die Idee eines nationalen jüdischen Staates sollte der gesellschaftlichen Situation in der neuen Epoche Rechnung tragen. Historisch gesehen ist der Zionismus als politische Bewegung die nationale Antwort auf die nationalen Bewegungen der nichtjüdischen Umwelt - die Definition der Juden als Nation war von außen aufgestülpt und Voraussetzung, nicht Folge seines Entstehens.

Er zeichnet die Geschichte von Palästina nach, vor 1967 ein rein geografischer Begriff für die Region, die zunächst vom Einfluß des zerfallenden Osmanischen Reiches sowie der Kolonialmächte Frankreich und England geprägt ist. Während 1913 in Paris der panarabische Kongreß staffindet, setzen sich unter den Zionisten die 'Praktiker' gegen die 'Politiker' durch, angesichts der Situation in Europa beginnt die Einwanderung ohne vorige politische Anerkennung. England laviert und macht im ersten Weltkrieg vage politische Zusagen gegenüber arabischen wie jüdischen Privatpersonen, in den zwanziger und dreißiger Jahren gehen von einem erstarkenden arabischen Nationalismus Übergriffe bis zum Mord aus. Militante Antworten wie sie die Irgun praktizieren werden von den Zionisten zunächst abgelehnt, während England während des Holocaust und in der Folgezeit die Einwanderung blockiert. Als nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche 'displaced persons' nach Palästina auswandern wollen, erreicht dieses Vorgehen in der 'Exodus'-Affäre mit staatlicher Piraterie gegen Einwanderungswillige seinen Höhepunkt uns endet erst mit der Gründung des Staates Israel 1948.

Ein dritter Sprecher beschäftigt sich mit dem Antizionismus der "alten Linken". Karl Marx hat lediglich reiche Juden als solche, arme jedoch als Teil des Proletariats wahrgenommen. Vielleicht gerade deswegen gibt es Anfang des 20. Jahrhundert noch keine nennenswerten politischen Unterschiede zwischen Sozialismus und Zionismus. Auch in der nachrevolutionären Sowjetunion unter Lenin ist eine jüdische Sektion selbstverständlicher Teil des Volkskommissariats für Nationalitätenfragen. Der Nationalbolschewist Stalin hingegen definiert Juden als Rasse und instrumentalisiert sie zunehmend als Sündenbock, auf den sich die Unzufriedenheit mit der Bürokratie umlenken läßt.

In den infolge des Ribbentrop-Molotow-Abkommens an die Sowjetunion gefallenen osteuropäischen Gebieten haben Juden 1940 kein passives Wahlrecht. Nachdem ab 1954 unter den Opfern des Faschismus aus stalinistischer Sicht Juden nur als 'sonstige' vorkommen, kommt es zu einer Reihe von Schauprozessen gegen sogenannte "Kosmopoliten". Obwohl noch 1948 Stalin - vermutlich aus antienglischen Motiven - die Gründung Israels unterstützte, gipfelt die Instrumentalisierung von Juden als angeblichen Trägern einer Verschwörung gegen die Sowjetmacht 1955 im sogenannten Slansky-Prozeß. Mit Chrustschow, der Juden als "Individualisten" stigmatisiert, kommt es zu keinem Bruch. Die Rehabilitierung bleibt aus. Mit der politischen Annäherung an die arabischen Staaten setzt sich in der Sowjetunion die Etikettierung Israels als "Imperialismus" durch. Der Vortrag schließt mit einem Zitat aus einer ukrainischen Zeitung: "Die Gaskammern von Treblinka wurden von den arischen Zionisten bezahlt", fantasierte man dort bereits 1967.

Der letzte Sprecher widmet sich der "neuen Linken". Während in Deutschland die APO entsteht, wehr sich Israel im Sechstagekrieg sehr offensiv gegen Truppenaufmärsche an seinen Grenzen. Von der deutschen Linken wird das unkritisch mit dem Vorgehen der USA im Vietnamkrieg zusammengefaßt, in bezug auf Israel setzt sich die stalinistische Brückenkopfideologie durch. Obwohl Philosophen der Zeit genau hiervor warnen, werden damit Begriffe wie Volk unkritisch in linke Vorstellungen integriert. Der positive Bezug der Springerpresse, der weniger Israel selbst gilt als der Art und Weise seines militärischen Vorgehens, wird von der APO oberflächlich ins Gegenteil gewendet. Im Gegenzug verliert diese die Wirtschaftsbezieungen Deutschlands zu den arabischen Staaten aus den Augen.

Antikapitalistische Linke in Deutschland übernehmen ein Produkt, das zwanzig Jahre zuvor der Großmufti von Jerusalem mit Hilfe deutscher Unternehmen durchgesetzt hat: das sogenannte "Palästinenser-Tuch". Die Linke der 70er Jahre wird von den K-Gruppen dominiert und engagiert sich vorwiegend in nationalen Solidaritätsbewegungen, militante Gruppen wie die "Tupamaros Westberlin" unternehmen Anschläge gegen jüdische Einrichtungen. Die aktuellste Wendung kommt mit der Zweiten Intifada, als Juden weltweit als Feinde ausgerufen werden. Von links gibt es zunächst kaum Gegenwind: Die sogenannte "Antiglobalisierungs"-Bewegung bezieht sich sehr oft noch auf das 'antiimperialistische' Ideologiefundament der 70er Jahre. Mit dem Erstarken der Rechten versuchen Querfrontkonzeptionen über die Parteinahme für Volksbefreiungsbewegungen Anschluß an die Linke zu finden.

Nach zehnminütiger Pause kommt die Diskussion zunächst nur stockend in Gang. "Mach doch mal jemand eine provokante These", fordert die Moderatorin auf und erntet damit verhaltenes Gelächter. Kurzes Schweigen. Dann meldet sich ein Teilnehmer zu Wort: Der Antisemitismus in der heutigen Linken ist zu kurz gekommen. Die Kritik muß mehr in die Gegenwart reichen. "Ich habe eine provokante These: Wegen ihrer Theoriefeindlichkeit bleibt die Linke bei verkürzten Analysen stehen." - "Worin besteht denn der Antisemitismus der heutigen Linken?" fragt ein anderer und wird gleich mehrfach auf den "Tag des Bodens" hingewiesen.

Der Aufmarsch, bei dem es zu heftigen antisemitischen Ausschreitungen und einer scharfen Polarisierung gegen jede Kritik von links bis hin zum versuchten Angriff auf eine Gegenkundgebung gekommen war, gilt vielen als der Gipfelpunkt der völkischen Welle: Teile der Linken zusammen mit den Intifada-Gruppen, der UCK, Abordnungen verschiedener anderer nationalrevolutionärer Bewegungen, Antisemiten aus der deutschen Mitte und dem Anmelder des Nazi-Aufmarschs vom 1. Dezember, gegen den man 5 Monate zuvor noch gemeinsam als Linke und im Bündnis mit jüdischen Organisationen demonstriert hatte. Nur Monate später haben die alten Inhalte überwogen und sich gezeigt, daß die Antifa, die sich in den neunziger Jahren neu entwickelt hat, den Antizionismus der früheren Generationen nicht konsequent überwunden hat. Hierauf muß der Schwerpunkt der Kritik liegen, so das Argument. Denn: "War jemand hier schon in den 80ern dabei?" Alle fünfunddreißig Hände bleiben unten.

Die Kritik an der Linken ist auch das Anliegen eines anderen Redners. "Solange diese Linke völkische Tendenzen in sich hinnimmt, muß sie kritisiert werden. Und das tut sie, weil sie wegen ihrer ihrer Theoriefeindlichkeit die Erkenntnisse der Philosophen ignoriert und bei einem verkürzten Antikapitalismus stehenbleibt." - Dazu gibt es eine Gegenposition: "Es ist eine Sache, das was wir kritisieren, 'die Linke' zu nennen, aber es ist eine andere Möglichkeit, die völkischen Tendenzen zu kritisieren, gerade weil sie nicht links sind sondern mit der Leitkultur zusammengehen." Die notwendige Ergänzung zur Kritik ist die Aktualisierung des linken Selbstverständnisses: "Dieses Land hat bis 89 praktisch keine eigene Außenpolitik gemacht. Mittlerweile macht es sie und die Linke muß endlich eine konsequente Kritik daran entwickeln. Hier kann die Kritik am Antizionismus ihre konstruktive Seite finden. Ich will politisch dem deutschen Weg etwas entgegensetzen, dazu können wir nicht bei der Kritik an der Linken stehenbleiben."

Doch auch hieran gibt es wieder Kritik: "Ich stimme Dir ja zu, aber bis auf das 'wir'." Es ist verkehrt von "der Linken" zu sprechen und so zu implizieren, man müsse ihr nur die richtige Leitlinie geben. Es ist verkürzt, "links" nur als Gegenstand der Definition zu sehen. Es handelt sich um gesellschaftspolitische Alternativen, nicht bloß um ein Label, das sich positiv oder negativ besetzen läßt. "Wenn es nur darum geht, alte Dogmen durch neue zu ersetzen, werden die alten Fehler wiederholt." Überhaupt wird in den Debatten um Antisemitismus zu viel mit Labeln gearbeitet, Etiketten die stereotyp ausgeteilt werden: "'Antideutsch' ist ein solches Label, 'Antifa' auch, oder eben 'links'."

Von Verallgemeinerungen über "die Linke" haben mittlerweile alle Interessierten genug, das ist der unausgesprochene Unterton der allmählich verebbenden Debatte. Als irgendwann Rufe nach einem Schlußwort aufkommen, fällt zunächst keinem der Beteiligten etwas ein. Dann gibt es doch noch ein Resumee, das Zustimmung findet: "Unter dem Eindruck des 'Tags des Bodens' hätte ich mir nicht zu träumen gewagt, daß nur 6 Monate später so eine konstruktive Diskussion möglich wäre."

* Jugendzentrum Pankow: http://www.jup-ev.org/

* Infocafe Pankow: http://home.arcor-online.de/antifa/icp/

Homepage: http://www.antisemitismusstreit.tk/ "

...und noch ein Auszug aus dem Kommentar von :
"Sich gegenseitig die moralische Abscheulichkeit vorzuwerfen, bis hin zur Deklaration der anderen Seite zum unwerten Leben, dessen Vernichtung eine edle Tat sei, ohne Ansehen der Person, ohne Kenntnis der Motivation, kann und darf keine linke oder sonstwie progressive Art sein, mit so etwas umzugehen.

Ich weiß nicht, wie es um die Nazis steht. Aber 'Linke', die mir mit antisemitischen oder irgendwie so klingenden Sprüchen daherkommen, sind für mich erst mal Leute, die nicht danach schreien, angeschrieen zu werden, sondern, eines Besseren überzeugt zu werden, so daß man mit ihnen einen common ground finden kann, der es erlaubt, mit vereinten Kräften gegen unhaltbare Zustände anzugehen.

Nicht, sich Antisemiten zu öffnen kann die Lösung sein, und auch nicht, sie pauschal wegen ein oder zwei im Zorn gesprochenen Sätzen mit SS-Offizieren gleichzusetzen. Stattdessen gilt es, das Phänomen leidenschaftslos zu erkennen, um eine Position definieren zu können, auf der sich alle wohlfühlen. Und wie man sieht, geht es auch sine ira et studio. Toll!"

Posted by Gertrud Schrenk at Oktober 14, 2002 07:46 EM
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