November 06, 2002
Hellingers Ideologie

Weiterleitung eines Beitrags meines Mannes,
Robert Berghausen

Hellinger charakterisiert sich selbst. Auf seiner Top-Internetseite ist ein Referat abgedruckt, das er am Goethe-Institut in Athen hielt. Thema "Bewegungen auf Frieden hin - Wege zur Versöhnung". Das folgende Zitat ist die Konklusion des Vortrags:

"Ich spreche hier ja im Goethe Institut. Dann möchte ich etwas über die deutsche Situation in dieser Hinsicht sagen. Stellt euch vor, wenn die Deutschen sagen würden: "Hitler ist einer von uns, ein Mensch wie wir. Wir nehmen ihn auf als einen von uns mit Mitleid. Und nicht nur ihn, sondern alle, die ihm gefolgt sind." Wenn wir auf einmal anerkennen, dass auch sie im Grunde nur ihrem Gewissen gefolgt sind und im Gefolge ihres Gewissens sich als Opfer gefühlt haben. Und dass sie ihre furchtbaren Taten im Grunde mit gutem Gewissen vollbracht haben. Wenn wir dann zugleich auf all die Opfer schauen, die das Dritte Reich hinterlassen hat, die umgebracht wurden, und wenn wir ihnen auch einen Platz in unserem Herzen geben, und wenn wir am Ende die Täter und die Opfer zusammen sehen als zusammengehörig, wenn wir mit ihnen zusammen trauern um das, was geschehen ist, dann hört jede Überlegenheit und jede Angst auf.

Was würde in den Seelen der Deutschen geschehen, wenn ihnen das gelänge. Und wie wären sie dann für andere Völker? Welche Kraft ist dann freigesetzt? Das ist der eigentliche Weg zur Versöhnung."

Zitiert aus: http://www.hellinger.com/deutsch/virtuelles_institut/bert_hellinger/reiseberichte/griechenland_sep_2002.shtml

Alles verstehen, heisst alles verzeihen. Laut Hellinger versteht man eine Gewissensentscheidung nur dann, wenn man über eine Spezialinformation verfügt: das Gewissen folgt nämlich der sogenannten Volksseele. Hitler ist der Exponent dieser Volksseele der Jahre 1933-45. Er tat nur das, was von aussen an ihn herangetragen wurde. Die Millionen Opfer der Naziverbrechen sind natürliche Ergebnisse eines organischen Prozesses. Ihr Schicksal ist so normal wie das der umgeknickten Bäume nach einem Tornado.
Wenn Hellinger Versöhnung predigt, dann ist damit lediglich die Akzeptanz einer Naturordnung gemeint.
Hellingers Ideologie ist Soziobiologismus. Die Denkvoraussetzungen seines Systems hängen völlig in der Luft. Er appelliert an ein Ordnungssystem, das er selber geschaffen hat. Die von ihm postulierte Kollektivseele ist ein Konstrukt der Theosophie des 19. Jahrhunderts. In faschistischen Denkweisen taucht die zwingende Macht des Volkes, der Ahnen, der Sippe als Begründungsinstanz individuellen Handelns immer wieder auf. Damit ist absolut jede Tat gerechtfertigt, sie muss nur konform sein.

Wie gut für Hellinger selbst, dass er groben Unfug predigt. Die Volksseele des demokratischen Deutschland hätte ihm sonst den Garaus gemacht.

Posted by Astrid Haarland at November 06, 2002 08:14 EM
Comments

Ich habe da eine Vermutung. Hellingers Konzept der festgefügten Ordnung basiert auf dem Wunsch nach einfachen Erklärungen und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit, nach einem festen Platz innerhalb eines Systems, sei es Familie, Sippe, Nation. Vor einigen Jahren erzählte mir eine Bekannte, sie hätte Rotz und Wasser geheult, als sie im Rollenspiel *endlich* die ihr zugeordnete Rolle in der Familie erkannte und darauf verstanden habe, was schief gelaufen sei. Von diesen angeblich wohltuenden befreienden emotionalen Ausbrüchen mit anschliessendem Erkenntnisgewinn hört man häufiger bei Hellinger-Seminaren.

Das Aha-Erlebnis bei dieser Frau jedenfalls muss so prägend gewesen sein, dass sie danach Sanyassin wurde und fortan deren Seminare besuchte ;-)

Posted by: Astrid Haarland on 07.11.02 20:21

Du willst damit sagen, dass du eine Freundin verloren hast, nachdem diese ein Hellinger-Seminar besuchte?

Das tut mir sehr leid. Es passiert öfter, dass sich geliebte Menschen plötzlich einer für aussenstehende undurchsichtigen Bewegung anschliessen, und sich dadurch auch persönlich verändern.

Aber ich finde daß das alleine nichts negatives über das Hellinger-Seminar aussagt.

Ich kann mir gut vorstellen, daß deine Freundin eine sehr positive Erfahrung und einen wichtigen Entwicklungsschritt gemacht hat und ich finde soetwas verdient großen Respekt. Wir können doch von außen nicht sagen, was da passiert, sondern nur Mutmaßungen anstellen. Vielleicht ist es für sie wichtig und richtig was da geschieht.

Dass es dir nicht passt hängt mit deinem Verhältnis zu ihr zusammen, aber sie ist doch ein freier Mensch und kann tun was sie möchte, oder nicht? Oder willst du lieber, daß sie so lebt wie du es richtig findest?

Und es kommt oft vor, daß Menschen nach einer tiefen Heilung besonders anfällig sind für deartiges wie die Sannyas-Bewegung. Und du weisst nicht, ob das was ihr geschah für sie nicht sehr heilsam war.

Das sie zu den Sannyassins ging kann aber auch daran liegen, daß in unserer Gesellschaft Strukturen fehlen, jemand aufzufangen, der angefangen hat, sich zu öffnen, und nun Halt braucht, findest du nicht?

Im übrigen habe ich viele Freunde im Sannyas-Umfeld, die ich als Menschen sehr schätze, und die durch ihre Arbeit dort sehr große persönliche Fortschritte gemacht haben. Viele sind aktiv als Heilpraktiker im Rahmen einer ganzheitlichen Medizin, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Ach hier würde ich sagen, läßt sich nicht so einfach alles verteufeln, nur weil es sich im Rahmen einr bestimmten Gruppe abspielt.

Um etwas zu verurteilen, muß ich es doch erstmal kennengelernt haben, oder nicht?


Herzliche Grüße
Caro

Posted by: Caro on 11.11.02 15:58

Hallo Caro,

was mich vor allem bei ihrer Reaktion erschreckt hat, war ihr Nichthinterfragen des Hellingerschen Erklärungsansatzes. Der Fall schien für sie erledigt im Sinne eines monokausalen Erklärungsansatzes: "Es war so weil, ..." *Das* hat mich erschreckt. Und wenn ich mir dann Beispiele für diesen Ansatz ansehe, dann kommen mir wirklich ziemlich viele Fragen.
Guck doch mal nach, wie Hellinger z.B. die Familie Mann erklärt hat. Hier ist der Link

http://www.hellinger.com/deutsch/virtuelles_institut/bert_hellinger/beitraege_zur_homepage/2001_12_familie_mann.shtml

Oh je, oh je :-((
Die Sannyassins sind zum Teil liebe Leute! Nur diskutieren, da habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Denn auch Osho hat auf die Kraft der paradoxen Kommunikation gesetzt. "Damit die Westler ihren Verstand abschalten", das hat mir wortwörtlich mal ein ehemaliger Anwalt und späterer Pizzabäcker im Ashram von Osho gesagt.
Au weia!

Astrid

Posted by: Astrid Haarland on 14.11.02 16:18
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