November 16, 2002
Neuheiden

Starhawk, die amerikanische Aktivistin gegen kapitalistische Globalisierung und Naturzerstörung, ist mir mal wieder untergekommen.
Ich bewundere ihre Energie, ihre Informiertheit, ihre Zielgerichtetheit.
Trotzdem: diesr neue Heidenkult, der hat ein "Gschmäckle", wie wir im Schwäbischen sagen.

PD Dr. Sabine Bobert-Stützel, 2001, hat eine ausführliche Analyse vorgelegt: http://mitglied.lycos.de/sbobert/Wiccakult.htm

1) Leiden an Kontingenz und Mangel an Ordnung im Chaos - Geborgen seinin Mutter Natur und ihrer sinnhaften Ordnung:
Jeder Mensch wünscht, sich im Lebensganzen zu verstehen. Die Wicca-Religion bietet keine postmoderne Lösung: Sie ist zwar auf die biographischen Freiheiten und Nöte der Pluralisierung bezogen, löst sie jedoch durch den theoretischen Anspruch einer Metaerzählung, eines generalisierenden Deutungsmusters als höhere Ordnung und Sinninstanz. Wicca versteht das Universum als geordnetes Netzwerk, in dem alle Ereignisse miteinander verknüpft sind und nicht allein aus Zufall entstehen. Diese Ordnung wird mit Mutterphantasien aufgeladen, die starke Geborgenheitsgefühle wecken können - und das Ausgeliefertsein ans Chaos ausblenden: Man kann nie aus den Armen der Mutter herausfallen.

2) Leiden an Ohnmacht - in den schwächsten Momenten der Biographie mit wunderbaren Kräften gesegnet sein:
Eines der Grundgefühle des biographischen Bastlers in postmodernen Gesellschaften angesichts realer politischer und wirtschaftlicher Einflußlosigkeit ist Schwäche oder gar Ohnmacht. Wie läßt sich ein biographischer roter Faden weben, wenn Partnerschaften an kompensatorischen Erwartungen zerbrechen und nicht weiter als bis zur derzeitigen Ausbildungs- bzw. Berufsphase geblickt werden kann? Wicca löst dieses Problem regressiv durch narzißtische Phantasien: Diese Religion verheißt Allmacht, Größe und symbiotische Teilhabe an nicht weniger als den Kräften der Welt. Apaika: "... es geht alles über die Bewußtseinserweiterung. Wenn man das Gesetz der Schöpfungsordnung erkennt und sich einschwingt, wird es magisch. Ich spüre die Kräfte, die die Götter mir geben, ich werde mächtig, allmächtig."[26] Gaea: "Gedanken sind Kräfte. ... Du kannst mit Gedanken vernichten, du kannst mit Gedanken heilen." Die eigene narzißtische Übergröße entsteht durch eine phantasierte Symbiose mit der ideal-guten, allmächtigen, allgegenwärtigen Mutter. Gaea: "Eine riesige Kraft, die ich habe. ... ich bin eine Riesin. Das ist ein ungeheures Gefühl." Hinzu kommt der Trost, biographisch auserwählt zu sein und die Welt retten zu können.

3) Individuation, Trauer und Unsicherheit - durch Symbiose vermeiden:
Wer Wicca angehört, die oder der relativiert sich als Teil eines Ganzen wie der kosmischen Ordnung, der irdischen Natur ("mit mir und der Erde identisch zu sein"). Auch das soziale Gebilde des Coven reißt persönliche Grenzen nieder, was sich z.B. in der rituellen Nacktheit ausdrückt. In dieser Intimität streift das Individuum die Last seiner Vereinzelung ab. Alle Rituale zielen auf regressive Prozesse und führen letztlich den Erwachsenen zurück zum Kind in ihm und das Kind zurück zu einer (paradiesisch inszenierten) Einheit im Schoße der Mutter, wie sie in ritueller Ekstase erlebt werden soll. "Der Hexenglaube erklärt nicht nur, sondern lehrt uns auch die Kommunikation mit dem kindlichen Selbst wieder."[27] Damit sind kognitive und emotionale Regression verbunden: Komplexes wird auf einfache Grundregeln und Kreisläufe zurückgeführt, die qua Analogie bildhaft erschließbar erscheinen. Ambivalente Gefühle werden weitgehend um ihre negativen Ambivalenzen gekappt. Kognitive und gefühlsmäßige Verunsicherungen werden möglichst zurückgelassen. Identitätswandlung geschieht also durch Rückkehr zu früheren Entwicklungsstufen. Damit wird ein wichtiger therapeutischer Aspekt aufgegriffen und in den Kern dieser Religion gestellt. Allerdings werden im therapeutischen Rahmen regressive Prozesse gezielt dazu eingesetzt, um Fehlendes nachwachsen zu lassen und ´Verlorenes´ zu integrieren. Dies ermöglicht dann Schritte in Richtung Individuation, größerer kognitiver und vor allem emotionaler Komplexität. In Wicca hingegen erscheint Regression als Selbstzweck, wird das Kind zum Ziel und die Regression auf ein magisches Weltbild zum Gesamtrahmen von Weltdeutung. Die mächtige Mutter bleibt immer im Hintergrund. Der an Autonomie überforderte Erwachsene flieht zurück zur großen Mutter und bleibt bei ihr wohnen.

aus: PD Dr. Sabine Bobert-Stützel, 2001
http://mitglied.lycos.de/sbobert/Wiccakult.htm

Posted by Gertrud Schrenk at November 16, 2002 11:38 FM
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