Februar 15, 2003
NEIN -Sager

Wie soll man sich einem Altrechten gegenüber verhalten, der heute wieder groß rauskommt als Kenner der Szene (Afghanistan), der aber einmal "am Lagerfeuer der Mudjaheddin" (A. von Bülow im Interview mit Konkret vom 12.12.02) saß ...

"Für Aufsehen sorgte seinerzeit der Besuch des CDU-Rechtsaußen Jürgen Todenhöfer in den von den Kontras besetzten Gebieten. Auch der Rechtsaußenpublizist Gerhard Löwenthal hatte Afghanistan als Agitationsthema Nummer eins entdeckt. Selbst Neonazis waren willkommen. So brachte anläßlich des Besuchs des damaligen sowjetischen Generalsekretärs Leonid Breshnew in Bonn eine Volksfront der besonderen Art über 30000 Menschen auf die Straße. An der Spitze der von CDU und FDP organisierten Demonstration marschierten Norbert Blüm, Heiner Geißler und Jürgen Möllemann. In der Mitte der Demonstration befand sich ein Block von mehreren 100 Neonazis."
(junge welt vom 29.11.01)
Wer alles sagt da NEIN und aus welchen Gründen? Soll man sich da distanzieren oder ist die gemeinsame Sache wichtiger?

Posted by Gertrud Schrenk at Februar 15, 2003 05:28 EM
Comments

Vielleicht sollten wir nur noch Bündnisse schliessen, die auf ein gemeinsames Ziel hin arbeiten? Ideologie-Debatten entfielen genauso wie die mühsame Recherche über den Nachbarn bei der Demo oder in der Mailingliste. Kurzfristige Bündnisse auf Zeit, dann geht man wieder seiner eigenen Wege? Man bleibt solange zusammen, bis das gemeinsame Ziel erreicht ist?

Doch: Das Ziel ist eine Sache. Aber es ist nicht egal, wie der Lösungsweg hin zum Ziel aussieht. Wer ist die Gruppe, die da mitmacht? Welche Mittel wollen sie einsetzen, um das Ziel zu erreichen? Auf wessen Kosten soll das Ziel erreicht werden?

Wenn ich also "NEIN" sage zum Irak-Krieg auf einer Demonstration, dann will ich wissen, wer da neben mir läuft. Wenn ich mich auf einer Mailingliste an Diskussionen beteilige, dann will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.

Es mag Situationen geben, in denen strategische Partnerschaften sinnvoll erscheinen. Vielleicht ist es ja sogar die Partnerschaft aller, die NEIN sagen zum Irak-Krieg, weil es zur Zeit eine Supermacht gibt, die Hegemonie mit allen Mitteln anstrebt und ihre (militärischen) Bündnispartner nur noch zu Befehlsempfängern degradiert, wie wir heute wieder mal in SPIEGEL-Online lesen können.

Doch möchte ich persönlich schon gerne in einer Wertegemeinschaft und keinem ständig neu formulierten Zweckbündnis leben. Diese Zweckbündnisse führen nämlich unter anderem dazu, dass ich mein zeitweiliges Gegenüber nur noch als Mittel zum Zweck sehen muss und nicht mehr als ein Individuum, dass ich tolerieren, respektieren und achten kann.

Posted by: Astrid Haarland on 17.02.03 18:39

Zur Fragwürdigkeit strategischer Bündnispartnerschaften hier ein Artikel aus der SZ von Volker Breidecker, der schreibt, dass das Motto "Blut für Öl" von Anton Zischka stammt, einem Sachbuchautor des vorigen Jahrhunderts.

Er hat die "Formel "Blut für Öl" geprägt: Zuletzt im Jahr 1944, in der zweiten Auflage seines 1939 erschienenen Buchs "Ölkrieg", das bereits auf einen Vorläufer zurückging, der unter dem Titel "Der Kampf ums Öl" erschienen war.

Hier der Link auf "Volker Breidecker, Halt rein unsern Saft. Der aktuelle Slogan 'Blut für Öl' hat eine dunkle Geschichte"

http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/getArticleSZ.php?artikel=artikel3384.php

Posted by: Astrid Haarland on 18.02.03 09:50

Heute morgen zum Thema auf www.telepolis.de


Im Gleichschritt zum Frieden

Marcus Hammerschmitt 18.02.2003
Die neue Friedensbewegung als Geburtshelferin eines neuen europäischen Imperialismus

Alle wollen Frieden. Von den Trotzkisten bis zu den Rechtsradikalen, von den Klampfenhanseln bis zum deutschen Kanzler und zum französischen Staatspräsidenten. Selbst der Papst, der doch sonst jeder wohlgezielten Bombe sein "Pax Vobsicum!" hinterdreinpfeift, ist dabei.

weiter auf
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/mein/14204/1.html

Posted by: Astrid Haarland on 18.02.03 11:20

Ich stehe auf dem Standpunkt: betrachte die Strukturen. Höre nicht auf die schönen Worte. Die werden von vielen abgesondert.
Eine Gruppe, die mit Krieg etwas zu erreichen sucht, wird danach eine Militärherrschaft errichten.
Eine Gruppe, die mit Gewalt etwas erreichen will, wird nachher mit Gewalt herrschen.
Eine Gruppe, die mit Tricks was zu erreichen sucht, wird nachher mit Korruption herrschen.
Eine Gruppe, die mit Verhandlungen was zu erreichen sucht, wird nachher mit Demokratie herrschen.

Posted by: Gertrud Schrenk on 18.02.03 14:50

Ich stimme dir zu. Die Strukturen sind entscheidend. Und die Wahl der Mittel. Ich bin daher enttäuscht darüber, dass die Bundesregierung sich nach einem klaren NEIN zum Krieg nun auf den kleinsten gemeinsamen europäischen Nenner hin bewegt hat: Krieg ist das letzte Mittel, aber *es ist ein Mittel*.

Ich frage mich allerdings, ob ich noch genauso antworten würde, hätte ich jemals das Bomben Unschuldiger wie z.B. im Kosovo mitbekommen. Rupert Neudeck, damals Cap Anamur, hatte damals das Eingreifen der Nato gefordert. Er sah das Elend der Menschen vor Ort.

Muss man nicht irgendwann zum letzten Mittel greifen, Krieg gegen die Krieger führen? Ich habe in den letzten Wochen so viele Statements von Exil-Irakern gehört, die den Krieg nach all den vergeblichen Bemühungen der letzten Jahre fordern, um endlich das irakische Volk zu befreien. Allerdings: Im Exil lässt sich natürlich trefflich argumentieren, dort hagelt es in der Regel keine Bomben vom Himmel.

Posted by: Astrid Haarland on 21.02.03 19:03

Liebe Astrid
o, das ist ja schön, eine kleine Diskussion!
so stell ich mir das ja eigentlich in der Mailing-Liste vor...

jaja, du hast recht, Krieg oder Gewalt 100 Prozent ausschließen kann ich auch nicht. Nur institutionalisieren sollte man die Ausnahmen nicht! Dem Missbrauch wäre Tür und Tor geöffnet. Es gibt dann später, wenn die akute Situation vorbei ist, bei einem eventuell folgenden Strafverfahren, ja noch die Möglichkeit, im Konsens die Notwendigkeit der Gewaltanwendung abzusegnen.

Was die Exil-Iraker betrifft:
Kann ich voll zustimmen - wenn es stimme würde, dass man da mal so kurz bummbumm macht, und dann ist alles gut.
Nichts wäre gut.
Es finge erst an mit den Schwierigkeiten.
Zumal die USA null Interesse an humanitären Zielen haben. Auch die Absetzugn Saddams ist nicht ihr vorderstes Ziel, sonst hätten si das ja damals 1991 zugelassen. Damals gab es einen großen Aufstand der Schiiten, den die USA -mit Worten- unterstützten. Als dann aber Taten gefordert waren, ließen sie die Oppositionellen auflaufen.
Warum nur?
Diese Leute hätten eine den USA nicht genehme Regierung errichtet...
von wegen Weltbedrohung...
und der Vergleich mit Hitler und der Rettung des Abendlandes durch die Aliierten damals kann auch nicht herangezogen werden.
Hitler mit den heutigen Waffen - das darf man sich gar nicht ausdenken.
Im Vergleich dazu der - nicht zu unterschätzende - Hussein ein Waisenkind.
Ich finde seinen Polizeistaat mit der alles durchdringenden Herrschaft seiner Nomenklatura auch zum Kotzen. Wie man das aushalten kann - keine Ahnung.
Aber Krieg ist nicht die Lösung.
Wie brach der Ostblock zusammen? Wegen der Bedrohung durch die USA?
Glaube ich nicht. die war schon länger da.
Das System hatte eine Eigendynamik entwickelt. Die Leute wollten nicht mehr. Irgendwann war das Fass voll, und das Ding platzte. Viele haben ihr Kännchen dazu beigesteuert, durch Proteste usw, aber wodurch es dann auf einmal zum Kippen kam - das sind eben selbstregulierende Systeme.
Das kann man nicht direkt steuern.
Oder man nehme die gewaltlose Umwälzung in Indien! die Befreiung von der britischen Herrschaft!

und was den Artikel von Marcus Hammerschmidt angeht:
sich gegen einen Impeialisten zu wehren, heißt noch lange nicht, selbst imperialistisch zu sein.
Es kann auch durchaus bedeuten, dass man für sich noch eigene Handlungsfreiheit erhalten will.

Dass wir aber beteiligt sind an der Spaltung der Welt, ist klar. Unser Lebensstandard ist auf Ausbeutung aufgebaut.

Auch in Südafrika sind keine Truppen einmarschiert.

Posted by: Gertrud Schrenk on 25.02.03 10:36
Post a comment
Name:


Email Address:


URL:


Comments:


Remember info?